Zurück zu den BüchernJAN S. BERGER

KOSTENLOSE LESEPROBE · BAND 1

Das Telefon am Strand

Veröffentlichung:

Kapitel 1Das Telefon im Sand

Die Frau auf dem Foto hatte Angst vor dem Mann hinter ihr.

Das sah Jan sofort. Erst später erkannte er den Mann hinter ihr. Er war es selbst.

Zwanzig Minuten zuvor hatte er noch geglaubt, es würde ein gewöhnlicher Morgen werden.

Er war kurz vor sechs aus dem Haus gegangen, ohne Nok zu wecken. Draußen war es kaum kühler als unter dem Ventilator im Schlafzimmer. Über Hua Hin lag graues Morgenlicht. Jan mochte diese Stunde. Um diese Zeit achtete noch niemand auf einen Mann mit Kamera.

Vor sechs Jahren war er für drei Wochen nach Thailand gekommen, für eine Reportage über Garnelenfarmen, die am Ende keine Redaktion kaufte. Geblieben war er wegen einer Journalistin, die ihm beim ersten Bier gesagt hatte, seine Bilder seien zu höflich.

Er trug ein schwarzes Leinenhemd, kurze Hosen und die Kamera quer über der Brust. In der Seitentasche steckten zwei Objektive. Nok behauptete, er könne nicht einmal Müll hinausbringen, ohne für eine Kriegsreportage ausgerüstet zu sein.

Zwei Männer zogen ein flaches Boot höher auf den Sand. Eine Frau spülte Plastikbecher in einem Eimer. Weiter südlich lief ein Hund an der Wasserlinie entlang und blieb alle paar Meter stehen, um in Richtung Meer zu knurren.

Jan fotografierte ihn nicht. Der Hund beobachtete weder ein Boot noch einen Vogel. Sein Blick hing an einer leeren Stelle im Wasser.

Jan ging weiter.

Er suchte keine schönen Bilder. Ihn interessierten die kleinen Fehler: ein Handabdruck auf einer frisch gestrichenen Wand, eine aufgerissene Einkaufstüte, Blut auf einem weißen Hemd. Dinge, die eine Geschichte verrieten.

Um 06:05 sah er die Sandale.

Sie lag auf der Seite, nur wenige Zentimeter oberhalb der letzten Wasserlinie. Braunes Leder, geschlossene Schnalle. Eine Damensandale. Im Riemen klebten drei lange schwarze Haare. Sie zitterten im Wind, obwohl sein Hemd reglos blieb.

Jan blieb stehen.

Hinter ihm hörte er das Kratzen von Pfoten, dann ein leises Winseln. Als er sich umdrehte, stand der Hund vielleicht zehn Meter entfernt, den Kopf gesenkt. Er kam nicht näher.

Neben der Sandale lag ein Telefon zwischen Algen und dünnen Holzstücken. Die durchsichtige Hülle war an einer Ecke gesprungen. Das Gerät steckte halb im feuchten Sand, die Rückseite nach oben. Eine Welle schob sich heran, hielt einen Meter davor an und zog schäumend zurück.

Jan sah den Strand hinauf. Niemand rannte, niemand suchte etwas. Die Männer beim Boot arbeiteten mit gesenkten Köpfen. Die Frau mit dem Eimer war verschwunden.

Er nahm die Kamera hoch.

Zuerst eine weite Aufnahme, Sandale und Telefon im Bild, ohne dass sein Schatten darauf fiel. Das Display zeigte Bildnummer 4813. Dann eine Nahaufnahme der Haare im Riemen.

Auf der Hülle haftete helles Pulver, fast weiß und vollkommen trocken. Der Sand hier war dunkel. Jan ging in die Hocke. In dem Pulver an der gebrochenen Ecke verlief eine schmale Furche, als hätte jemand mit einem Fingernagel hindurchgestrichen. Er fotografierte auch das.

Die nächste Welle kam weiter.

Er hätte die Polizei rufen und alles liegen lassen sollen. Er wusste das. Er wusste auch, dass das Telefon in weniger als einer Minute im Wasser liegen würde.

Jan nahm ein sauberes Tuch aus der Kameratasche, fasste das Gerät an den Seiten und hob es an. Unter dem Telefon war der Sand zu einem Rechteck gepresst. Darin lag etwas Kleines und Helles.

Ein Zahn.

Jan starrte ihn an.

Vielleicht eine Muschelscherbe. Vielleicht ein Stück Plastik. Doch die Form war zu regelmäßig, die Wurzel zu deutlich. Ein menschlicher Schneidezahn, klein genug, dass er von einem Kind stammen konnte.

Jan machte ein Foto. Als er wieder hinsah, lief Wasser über die Stelle und trübte sich vom aufgewühlten Sand. Er sprang zurück. Mit der Welle verschwand der Zahn.

Das Telefon vibrierte in seiner Hand.

Er hätte es beinahe fallen lassen.

Der Bildschirm leuchtete auf. Keine Nachricht. In der noch geöffneten Kamera-App sah er das letzte aufgenommene Bild.

Eine Frau stand vor einer niedrigen cremefarbenen Mauer. Hinter ihr waren die Worte ARUN BAY RESORT und eine stilisierte rote Sonne zu erkennen. Die Frau war jung, vielleicht Anfang zwanzig, doch etwas an ihrer Haltung wirkte älter. Dunkles Haar bis zum Kinn. Weißes Hemd. Ihr Gesicht war unscharf, weil sie sich im Augenblick der Aufnahme bewegt hatte.

Ihre rechte Hand war ausgestreckt. Nicht zur Begrüßung. Sie wollte das Telefon wegschlagen.

Hinter der Mauer lag der Strand. Ein paar Stühle, ein Fischerboot, graues Meer. Und ein Mann in einem schwarzen Leinenhemd, die Kamera quer über der Brust.

Jan spürte, wie sein Mund trocken wurde.

Er beugte sich näher. Der Mann war klein im Bild und leicht unscharf. Doch da war die helle Stelle am linken Ärmel, an der Nok am Vorabend einen losen Faden abgeschnitten hatte. Dazu die abgewetzte Kameratasche und der leicht nach rechts geneigte Kopf. Jan kannte diese Haltung von Fotos, die andere von ihm gemacht hatten.

Er sah genauso aus wie jetzt.

Jan blickte zur Mauer am Strandzugang. Sie war keine fünfzig Meter entfernt. Cremefarben, aber ohne Schrift, kein Resort, keine rote Sonne, nur ein dunkler Wasserfleck in der Form einer offenen Hand.

Er hatte dort vor wenigen Minuten niemanden gesehen.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Im Spiegelglas erschien Jans Gesicht. Hinter seiner Schulter stand etwas Weißes.

Er fuhr herum.

Nichts. Nur Strand, Seegras und der Hund, der jetzt weiter entfernt war. Das Tier drehte sich um und lief davon.

Jan zwang sich zu atmen. Er legte das Telefon mit dem Display nach oben auf das Tuch, auf trockenen Sand. Dann rief er Nok an.

Sie nahm beim dritten Klingeln ab. „Wenn du einen Sonnenaufgang fotografiert hast, will ich ihn nicht sehen.“

„Ich habe ein Telefon gefunden.“

Ihre Stimme veränderte sich. „Wo?“

Jan gab ihr den Standort.

„Ist jemand verletzt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was heißt das?“

Er sah zur Wasserlinie. „Neben dem Telefon lag eine Sandale. Und vielleicht ein Zahn.“

Am anderen Ende blieb es still.

„Vielleicht?“, fragte Nok schließlich.

„Die Welle hat ihn mitgenommen.“

„Hast du Bilder gemacht?“

„Ja.“

„Natürlich.“

„Auf dem Telefon ist ein Foto von einer Frau. Im Hintergrund bin ich. Von gerade eben.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich dieselben Sachen trage.“

„Du trägst oft dieselben Sachen.“

„Danke.“

„Du weißt, was ich meine.“

Jan sah wieder zur cremefarbenen Mauer. Der Wasserfleck war nicht mehr da. „Ich bin auf dem Bild dort hinten. An diesem Strand. Aber die Frau war nicht hier.“

Nok stellte keine weitere Frage. „Ruf die Polizei. Fass das Telefon nicht mehr an. Ich komme.“

„Nok.“

„Was?“

„Beeil dich.“

Jan hörte die Dringlichkeit in seiner eigenen Stimme.

Nok sagte nur: „Zehn Minuten.“

Jan rief die örtliche Polizeistation an. Er sprach Thai, langsam und präzise. Ein Telefon. Eine einzelne Sandale. Möglicherweise ein menschlicher Zahn. Der Beamte fragte, ob Jan Alkohol getrunken habe.

„Es ist sechs Uhr morgens.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Nein.“

Man schicke eine Streife. Jan sollte warten.

Um die Hände zu beschäftigen, fotografierte er die Fundstelle noch einmal, Bild um Bild, während das Wasser näher kam. Ein Jogger lief vorbei, zwei ältere Frauen mit Sonnenhüten, ein Junge, der eine leere Flasche vor sich her trat. Niemand blieb stehen.

Dann sah Jan, dass die Haare im Riemen verschwunden waren.

Er zoomte heran, ohne näher zu gehen. Der Riemen war leer. Auf seinem Foto von 06:05 waren die drei schwarzen Haare deutlich zu sehen.

Er prüfte die folgenden Aufnahmen. Haare. Telefon. Pulver. Alles da.

Auf Bild 4817 war der Strand hinter der Sandale leer.

Auf Bild 4818 stand dort eine Frau.

Mit dem Daumen blätterte er weiter, den Blick auf die Frau gerichtet. Sie stand weit hinten, knapp oberhalb der Wasserlinie. Weißes Hemd, dunkles Haar. Das Gesicht zum Meer gedreht.

Auf Bild 4819 war sie näher.

Auf Bild 4820 näher.

Jan senkte die Kamera.

Der Strand hinter der Sandale war leer.

Bild 4821 zeigte nur die Sandale, Bild 4822 das Telefon. Danach kam nichts mehr.

Jan ging zurück zu Bild 4818. Die Frau war nicht mehr darauf.

Er drückte zweimal auf Vergrößern. Sand. Wasser. Zwei Männer beim Boot. Keine Frau.

„Nein“, sagte er laut.

Er hatte sie gesehen, so sicher, wie er die Kamera in seiner Hand spürte.

Ein Motorradtaxi bog am Strandzugang ein. Nok saß hinter dem Fahrer und sprang ab, kaum dass er angehalten hatte. Sie trug eine dunkle Hose, ein weißes Hemd und zwei verschiedene Sandalen.

Jan hätte beinahe gelacht. Es kam nur Luft heraus.

Nok bezahlte, ging zu ihm und sah sein Gesicht. „Was ist passiert?“

„Sie war auf meinen Bildern.“

„Wer?“

„Die Frau vom Telefon.“

„Du hast sie fotografiert?“

„Nein. Ja. Ich weiß es nicht.“

Nok griff nicht nach der Kamera. Jan hielt sie mit beiden Händen an die Brust gepresst.

„Zeig mir zuerst die Fundstelle.“

Jan deutete auf den nassen Sand. Der Abdruck war fort. Die Sandale lag noch da, das Telefon auf dem Tuch.

Nok beugte sich nicht darüber. „Du hast nur die Seiten berührt? Und seit dem Anruf nicht mehr?“

„Nein.“

Das fremde Telefon vibrierte.

Nok und Jan sahen gleichzeitig hin.

Eine neue Bildnachricht. Kein Name, nur eine Nummer. Schon in der Vorschau erkannte Jan sich selbst.

Jan stand am Strand und hielt sein eigenes Telefon ans Ohr. Das Foto war von hinten aufgenommen worden. Es zeigte den Augenblick seines Anrufs bei Nok.

Hinter ihm, nur eine Armlänge entfernt, stand die Frau im weißen Hemd.

Ihr Gesicht war diesmal scharf.

Der Mund war mit schwarzem Faden zugenäht.

Unter dem Bild stand eine einzige Zeile.

DU HAST MICH NICHT GESEHEN.

Noks rechte Hand suchte Jans linke und schloss sich darum.

Dann hob Jan den Blick.

Auf der cremefarbenen Mauer am Strandzugang erschien langsam eine rote Sonne. Erst ein Halbkreis, dann sieben dünne Strahlen. Rote Tropfen liefen über den Anstrich.

Nok sah sie ebenfalls.

Das war der Moment, in dem Jan aufhörte, nach einer vernünftigen Erklärung zu suchen.